Zum Inhalt springen
Entourage
Artikel4 Min. Lesezeit

FMEA oder FTA? Warum die Methodenwahl Ihre Risikoanalyse nicht rettet

In vielen MedTech-Projekten wird zuerst gefragt, welche Methode für die Risikoanalyse eingesetzt werden soll. Die Frage greift zu kurz: Über die Qualität entscheidet nicht die Methode, sondern die Passung von Fragestellung, Methode und Integration in die Logik der ISO 14971.

ER

Entourage Redaktion

In vielen MedTech-Projekten lässt sich dasselbe Muster beobachten: Sobald Gefährdungsanalyse oder Risikoanalyse anstehen, fällt sehr schnell die Frage, welche Methode eingesetzt werden soll. FMEA? FTA? Oder gleich mehrere parallel? Die Frage ist verständlich, greift aber zu kurz. In der Praxis entscheidet nicht die Methode über die Qualität der Analyse, sondern die Passung zwischen Fragestellung, Methode und Integration der Ergebnisse.

Methoden sind noch keine Risikoanalyse

Verfahren wie PHA (Preliminary Hazard Analysis), FMEA (Failure Mode and Effects Analysis), FTA (Fault Tree Analysis), ETA (Event Tree Analysis), HAZOP und HACCP sind etablierte Werkzeuge im Risikomanagement. Was dabei häufig übersehen wird: Sie sind nicht gleichbedeutend mit der Gefährdungsanalyse, und erst recht nicht mit der vollständigen Produktrisikoanalyse nach ISO 14971:2019.

Jede Methode beantwortet eine andere Frage:

  • PHA strukturiert Gefährdungen und erste Schadensszenarien früh und systematisch.
  • FMEA analysiert Fehlermodi, Fehlerfolgen und deren Ursachen auf Komponenten- oder Prozessebene.
  • FTA macht komplexe Kausalzusammenhänge und Kombinationen von Ursachen über den Fehlerbaum sichtbar.
  • ETA zeigt, wie sich auslösende Ereignisse entlang von Schutzbarrieren weiterentwickeln.
  • HAZOP hinterfragt mithilfe von Leitworten systematisch Abweichungen vom dokumentierten Sollbetrieb.
  • HACCP fokussiert auf die Identifikation und Überwachung kritischer Kontrollpunkte.

Der entscheidende Punkt: Ein Fehlermodus ist nicht automatisch ein Hazard. Ein Top Event ist nicht automatisch ein Risiko. Der Output dieser Verfahren ist ein Zwischenergebnis, kein fertiger Eintrag in der Risikoakte.

Die eigentliche Hürde liegt an der Schnittstelle

Das typische Praxisproblem ist nicht die Durchführung der Methode. Es ist die Frage, wie ihre Ergebnisse konkret in die Risikoanalyse überführt werden. Zwischen Methodenoutput und Risikoanalyse liegt fast immer ein notwendiger Schritt: die analytische Übersetzung in die Logik der ISO 14971, also in Hazard, Hazardous Situation, Ereignisfolge, Schaden, Risikokontrollen und Wirksamkeitsnachweise.

Die ISO 14971 verlangt eine durchgängige Kette von der Gefährdung über die gefährdende Situation bis zum Schaden, inklusive Bewertung und nachgewiesener Beherrschung des Risikos. Eine FMEA liefert dafür Bausteine, etwa Fehlermodi und deren Folgen, aber sie ordnet diese nicht automatisch in genau diese Kette ein. Genau hier entstehen die meisten Schwächen. Nicht, weil Methoden falsch angewendet würden, sondern weil ihre Ergebnisse in der Akte nicht konsistent weitergeführt werden.

Eine wiederkehrende Stolperfalle: Die FMEA-Tabelle ist sauber gefüllt, aber niemand kann im Audit zeigen, welcher Fehlermodus zu welcher gefährdenden Situation führt und welche Risikokontrolle genau diese Situation adressiert. Die Methode war korrekt, die Traceability (Rückverfolgbarkeit) zur Risikoakte fehlt.

Mehr Methoden bedeuten nicht automatisch bessere Analysen

Ein zweites Missverständnis: Die Qualität der Gefährdungsanalyse steige mit der Anzahl der eingesetzten Methoden. Im Gegenteil. In vielen Projekten erzeugt die Kombination mehrerer Verfahren typische Folgeprobleme:

  • Überlappende Ergebnisse und Doppelarbeit. Dieselben Gefährdungen werden mehrfach beschrieben, ohne dass ein zusätzlicher Erkenntnisgewinn entsteht.
  • Inkonsistente Begriffe. Werden Fehlermodus, Hazard und Schaden zwischen FMEA-, FTA- und PHA-Dokumenten unterschiedlich benannt, leidet die spätere Rückverfolgbarkeit.
  • Künstliche Komplexität. Eine größere Zahl von Dokumenten führt nicht zu mehr Klarheit, sondern zu weniger, besonders bei internen Audits und Behördeninspektionen.

Die entscheidende Frage ist daher nicht "Welche Methode setzen wir ein?", sondern: "Welche Frage wollen wir beantworten, und welche Methode liefert dafür tatsächlich einen Erkenntnisgewinn?" Eine FTA ist sinnvoll, wenn das Zusammenwirken mehrerer Ursachen verstanden werden muss. Eine FMEA passt, wenn Fehlermodi einzelner Komponenten oder Prozessschritte systematisch durchgegangen werden sollen. Werden beide eingesetzt, müssen ihre Ergebnisse auf dieselbe Risikoakte zulaufen, nicht nebeneinanderher dokumentiert werden.

Woran sich eine belastbare Gefährdungsanalyse erkennen lässt

Eine gute Gefährdungsanalyse zeigt sich nicht an der Zahl dokumentierter Methoden oder am Detailgrad einzelner Tabellen. Sie zeigt sich an vier Merkmalen:

  • Sichtbarkeit: Kritische Risiken und gefährdende Situationen werden früh sichtbar und im Design-Prozess adressiert, nicht erst bei der finalen Verifikation.
  • Nachvollziehbarkeit: Ursachenpfade und Fehlerketten sind auch für Dritte, etwa Auditoren, logisch nachvollziehbar und lückenlos dokumentiert.
  • Prävention: Risikokontrollen werden gezielt und proportional zur tatsächlichen Gefahr abgeleitet, im Einklang mit der nach ISO 14971 geforderten Bewertung des Restrisikos.
  • Fundierung: Bewertungsentscheidungen zu Schweregrad und Wahrscheinlichkeit sind fachlich und, wo einschlägig, klinisch begründet, nicht aus Gewohnheit gesetzt.

Kurz: Nicht methodische Breite, sondern analytische Stimmigkeit ist entscheidend. Methoden sollten nicht schematisch, sondern bewusst eingesetzt werden, abgeleitet aus der Frage, die beantwortet werden soll.

Was zu tun ist

Der wirksamste Hebel liegt nicht in einer weiteren Methode, sondern in der sauberen Integration des Methodenoutputs in die Risikoakte nach ISO 14971. Praktisch heißt das: ein gemeinsames Begriffsgerüst über alle eingesetzten Verfahren, eine durchgehende Verknüpfung von Fehlermodus über gefährdende Situation und Schaden bis zur Risikokontrolle und deren Wirksamkeitsnachweis, sowie eine bewusste Auswahl der Methode anhand der konkreten Fragestellung.

Entourage unterstützt MedTech-Hersteller dabei, vorhandene FMEA-, FTA- oder PHA-Ergebnisse konsistent in eine prüffähige Risikoakte zu überführen und die Methodenauswahl auf die jeweilige Fragestellung auszurichten, statt Methoden parallel laufen zu lassen. Vertiefende Zusammenhänge sind im ausführlichen Whitepaper zur Überführung des Methodenoutputs in die Produktrisikoanalyse nach ISO 14971 aufbereitet.

Relevant für Ihr Vorhaben?

Ähnliche Fragen beschäftigen Sie gerade?

Im Erstgespräch klären wir unverbindlich, was für Ihre konkrete Situation relevant ist.

Erstgespräch anfragen

Life Science Journal

Regulatorische Updates, direkt ins Postfach.

Neue Anforderungen, Behördenentscheidungen und Praxishinweise. Einmal monatlich, jederzeit abbestellbar.

Berücksichtigte Verordnungen & Normen

  • ISO 14971:2019
Quellen
  • ISO 14971:2019: Medical devices, Application of risk management to medical devices (Primärtext)
  • Quellmaterial Entourage: Insight FMEA, FTA & Co. (fmea-methoden-risikoanalyse)
  • https://theentourage.de/fmea-risikoanalyse/

Ihr Vorhaben

Dazu ein konkretes Vorhaben?

Schildern Sie uns kurz Ihre Ausgangslage. Wir melden uns mit einer ersten Einschätzung, in der Regel innerhalb eines Werktags.

Lieber direkt? +49 89 4161170-0
info@theentourage.de

  • Antwort i.d.R. innerhalb eines Werktags
  • 4 Standorte: DE · CH · IT · US
  • 100% Life Sciences